Forschung
-vor-jahr-und-tag-, eisenbahn, katharina-weisrock
Das Bild der Eisenbahn in "Vor Jahr und Tag"
Eisenbahnen töten den Raum.
Geschichte der aufkommenden Moderne
Katharina Weisrock
Am 18. Dezember 1871 wird die Strecke Alzey - Mainz Hbf eröffnet. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie zwischen Mainz und Alzey liegt Rheinhessen auf der Höhe der Zeit. Der Ausbau des europäischen Eisenbahnnetzes wird nämlich maßgeblich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwirklicht. Die Perspektiven, die sich durch den Eisenbahnverkehr eröffnen, werden als ein allgemeiner menschlicher Fortschritt gefeiert. Allenfalls die Gefahr von Unfällen trübt zuweilen die Begeisterung für die neue Technik. Aber es gibt auch kritische Sichtweisen. Schon 1843 hatte Heinrich Heine in Paris im Blick auf den neuen Eisenbahnverkehr notiert:
Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unsere Anschauungsweise und in unsern Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.
Man wird zunehmend gewahr, daß in der Folge des Eisenbahnbaus die gewachsenen Formen der Umgebung verschwinden, die Bahntrassen die Landschaften und die Städte zerschneiden. Noch zum Beginn unseres Jahrhunderts, als die Eisenbahn schon längst zum alltäglichen Massenverkehrsmittel geworden ist, entstehen in der Malerei Bildern von Zügen, die die Städte deformieren und die Menschen bedrohen.
Auch in der Litertur findet sich das Bild eines bedrohlich auf den Betrachter zufahrenden Zuges. Der in Nieder-Olm geborenen Schriftsteller Wilhelm Holzamer (1870-1907) verbindet in seiner historischen Darstellung des Eisenbahnbaus von 1871 die Begeisterung für die bewundernswerte technische Leistung des leitenden Ingenieur und seiner Arbeiter mit dem Empfinden eines Betrachters angesichts der Übermächtigkeit der neuen Technik. Zunächst schildert er in seinem Roman Vor Jahr und Tag (1906) den Bau des Tunnels zwischen Marienborn und Klein-Winternheim. In Nieder-Olm werden die Bauarbeiten durch die Geländebeschaffenheit erneut schwierig. Vor der Ortseinfahrt muß ein hoher Damm aufgeschüttet werden. Die Geleise führen über ein Viadukt, das die Pariser Straße überspannt um dann oben, gerade der ‘schönen Aussicht’ gegenüber,
am Fuß der Weinberge in geringer Aufschüttung weiter zu ziehen, bis er hinter den ersten Häusern des Dorfes verschwindet, immer niedriger wird, bis, wie der Ingenieur erklärt, die Steigung des Bodens oberhalb der Dorfmühle so stark ist, daß tief ausgegraben werden muß, um die Bahnlinie möglichst ohne Steigung, eher mit einem leichten Gefäll, in einem Bogen um das Dorf herumzuführen, nach der Station zu. Der Ingenieur erklärt, wie da Steigung und Gefäll ausgeglichen werden müssen, so daß, wenn die Station passiert ist und die Bahnlinie unter der Brücke der Sörgenlocher Chaussee hingeführt ist, gleich wieder eine ziemliche Aufschüttung mit einem Damm geschehen muß. Es ist durch die verzwickte Bodengestaltung Rheinhessens hier umständlicher als sonst. Die Unterschiede von Berg und Tal - die ‘Berge’ sind ja nur Hügel - sind nicht so sehr groß, aber dafür viel häufiger.
Trotz aller naturgegebenen Widrigkeiten gelingt das Werk, das hier authentisch beschrieben und, trotz aller Zweifel der Romanfiguren, bis heute erhalten, stabil und funktionstüchtig geblieben ist.
Die kritische Sichtweise der Eisenbahn legt Holzamer in die Augen der Hauptfigur des Romans. Dorothea Rosenzweig (Dorth) ist die Wirtstochter der Schönen Aussicht, die noch heute an der Ecke Pariser Straße/Ingelheimer Straße steht.
Dorth hat die Angewohnheit aus den hochgelegenen Fenstern der Schönen Aussicht in die Landschaft zu blicken. Wie in gemalten Bildern erscheint ihr darin die Umgebung von Nieder-Olm. Der Blick vom Giebelfenster aus geht auf das Dorf und die Wiesen, in die entgegengesetzte Richtung auf die Bahngleise.
Kein in sich ruhendes Landschaftsbild tut sich hier vor ihrem Auge auf; von hier aus wird man später den fahrenden Zug beobachten können. Damit kommt ein bewegliches Element ins Bild. Der Zug lärmt, pfeift und raucht, dadurch wirkt er scheinbar lebendig. Der fahrende Zug wird als bedrohlich auf den Betrachter zufahrendes Ungetüm gesehen. Diese neue Wahrnehmungsweise wird zuerst in der Vorstellung eingeübt. Noch bevor die Gleise gelegt sind versuchen Dorth und der norddeutsche Ingenieur Kamper die Wirkung des auf sie zufahrenden Zuges zu imaginieren.
Sie sehen zum Fenster hinaus. ... Nun sah die Dorth schärfer hinaus, und ihr Auge lief die ganze Linie entlang, die der Damm in die Landschaft einzeichnete. ‘Man meint gerade, es müsse direkt auf uns zukommen, wenn man so da oben hinguckt, wo das Häuschen steht,’ meinte sie. ... ‘Ja,’ sagte der Ingenieur, ‘die Linie geht erst wohl genau auf Ihr Haus zu, .....es wird noch deutlicher sein, wenn die Schienengeleise liegen. Sie werden sie von hier aus genau parallel auf sich zuführen sehen - und wenn die Züge fahren, sagen wir in der Nacht, wenn alles dunkel ist - und Sie stehen hier, so werden Sie meinen, die Lokomotive rast direkt auf Sie zu.’ Die Dorth sah hin und unterlag der Vorstellung des heranrasenden Zuges. Sie wußte ja, wie eine Bahn fährt und wie eine Lokomotive über die Schienen hinsaust und wie sie des Nachts die beiden großen Lichter vorn hat, die so scharf ins Dunkel stechen. Das hatte sie in Mainz schon gesehen, und wenn der Zug über die eiserne Brücke fuhr, flehte man zu Gott und allen Heiligen. ...Wie das sein würde, wenn es mal wirklich war! Es gruselte ihr fast ein wenig davor ..
Und endlich wird es wahr, der erste Zug fährt von Mainz kommend, auf Nieder-Olm zu.
Gleich am ersten Abend hatte die Dorth oben am Fenster gestanden und hatte hinausgesehen. Plötzlich brennen zwei große Lichtaugen aus dem Nachtdunkel und stieren das Haus an und fahren direkt darauf zu. Es ist, als ob man ihnen entgegenstürzen müßte - ...Einmal hat sie auch den Frühzug kommen sehen - es war fast noch unheimlicher - er war mehr mit dem Nebel verwachsen - man sah nicht nur die Lichtaugen - man sah noch einen Schatten von dem dunklen Körper, der ihnen nachglitt. Es lief der Dorth kalt über den Rücken - die Augen wurden ihr groß und heiß.
Dorth spürt, daß die Eisenbahn nicht nur die Menschen näher an die Welt bringt, die neue Welt bricht auch in die vertraute Welt ein und verändert ihr Lebensgefüge. Zugleich bringt die neue Zeit eine unumkehrbare Beschleunigung mit sich.
Derzeit hatte die Welt ein ganz anderes Gesicht gekriegt, waren die Menschen anders geworden. Das Neue war schon wieder alt geworden - und man plante schon wieder Neues.
Der Mittelpunkt des dörflichen Lebens verlagert sich mit dem Verkehr von der Hauptstraße zum Bahnhof hin. Dort blühen die neuen Gasthäuser auf, während ihr Gasthaus ins Abseits gerät. Dorth erlebt diese Veränderungen in Umbrüchen ihres persönlichen Lebens.
Das Neue braucht Zeit, bis man sich hineingelebt hat. Und hier ist’s nicht nur das Neue, es ist das Fremde. Das ganz Fremde. ... Wie anders war alles früher - wie ist alles anders geworden jetzt! Und so auf einmal!
In Vor Jahr und Tag ist Wilhelm Holzamer mit der Beschreibung des Eisenbahnbaus ein eindringliches Bild der Technik und ihrer Auswirkung auf die Lebensstrukturen in der Heimat gelungen. Aber wie weit der einzelne Mensch mit dieser Bewegung schritt halten kann, wo seine Grenzen der Belastbarkeit liegen und wann er sich diesem Prozeß entzieht, wie die Dorth, das ist Holzamers Frage. Er stellt sie schon zu einer Zeit, die uns, aufgrund unserer dynamischen Lebensweise, als die geruhsame, gute alte Zeit erscheint. Schon Holzamers Romanfiguren begreifen ihre Gegenwart als eine entschwindende Vergangenheit, in der das was wir Heimat nennen, nie dauerhaft existiert hat. Holzamers ‘Heimatbild’ ist keine Idylle sondern ein Protokoll des Verschwindens. Es ist Holzamers große Leistung mit der Schilderung des Eisenbahnbaus zugleich die Geschichte der aufkommenen Moderne in unserer Region beschrieben zu haben, wer sich mit ihr auf angenehme Art vertraut machen will, dem sei die Lektüre von Vor Jahr und Tag empfohlen.
Leicht gekürzt abgedruckt im Feuilleton der Allgemeinen Zeitung Mainz, unter dem Titel: "Hier ist's nicht nur das Neue, es ist da Fremde", am 30.12.1996, S.
Beitrag von Dr. Katharina Weisrock
Wie ist Ihre Meinung
